Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht...
"Liebe Gemeinde, mein Leben beherbergt so viele ungebetene Gäste. Die Angst ist so ein Gast." So beginnt Pastor Martin Hoffmann seine Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis.
Liebe Gemeinde, mein Leben beherbergt so viele ungebetene Gäste. Die Angst ist so ein Gast. Dann gibt es noch die Trauer. Den Selbstzweifel. Die Wut. Die Scham. Jede und jeder von uns wird seine eigen Ungebetene-Gäste-Liste in der Seele haben. Ich behaupte mal: Frau Angst ist in jedem Leben zu Gast. Niemand von uns lebt völlig angstfrei. Jesus selbst betete zu Gott: Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe.
Liebe Gemeinde, mal unter uns: Was fürchten Sie in Ihrem Leben? Gott? Den Börsenkurs? Die 6 in Mathe? Die Hochrechnungen heute ab 18.00 Uhr? Plötzlichen Blut im Urin oder Schlaganfall? Messermänner? Arbeitslosigkeit? Dass Sie durchschaut werden? Oder übersehen? 35 Grad Mitte April an einer ausgetrockneten Alster? Eine künstliche Intelligenz, die unsere natürliche austrickst? Einen US-amerikanischen Präsidenten, der unsere Stadt Hamburg zum 643. Bundesstaat erklärt? Was fürchten Sie?
Als Pastor ist man ja versucht, den Menschen die Angst auszupredigen. Gott hat dich lieb und passt auf dich auf. Fürchte dich nicht. Du hast keinen Grund zur Angst! Wirklich?! Ich finde ja schon und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Solche „Mutmach-predigten“ sind mir schlichtweg zu schlicht. Sie machen mir keinen Mut gegen meine Angst. Ich fühle mich nicht ernst genommen.
Fürchte dich nicht! Wenn man dem Internet glauben will, steht dieser Satz 365x in der Bibel, also für jeden Tag im Jahr einmal „Fürchte dich nicht!“ Schöner Gedanke, stimmt trotzdem nicht, obwohl’s im Netz steht. Sind nur 124 Mal. Reicht ja auch.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht. Dies schreibt ein Christ – nennen wir ihn Paulus -aus dem Gefängnis an sein treues Kind im Glauben namens Timotheus (was nebenbei Fürchtegott heißt).
Timotheus war einer der engsten Mitarbeiter des Paulus, half Gemeinden zu gründen und ihnen Struktur zu geben. Dabei scheint dieser Fürchtegott manchmal doch eine Heidenangst gehabt zu haben.
Deine Furcht, lieber Timotheus, schreibt Paulus, kommt nicht von Gott. Du bist nicht zur Furcht geschaffen und trotzdem ist sie da, die Furcht, dieser ungebetene Gast, der laut und mächtig wird, wenn du dich allein fühlst.
Paulus sagt nicht, dass Timotheus keine Angst haben muss. Er sagt interessanterweise stattdessen: Schäme dich nicht. Schäme dich nicht meiner, der ich für unseren Glauben im Gefängnis sitze, schäme dich nicht des Evangeliums. Furcht und Scham sind Geschwister.
Auch deine Scham kommt nicht von Gott, lieber Timotheus, dieses Gefühl, nicht genug zu sein, nicht mutig, nicht kräftig, nicht fromm, nicht heldenhaft genug. Gott hat uns berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus.
Das hört sich erst einmal hochtheologisch an, ist zugleich aber zutiefst menschlich. Du lebst, weil ein gnädiger Gott dich ruft. Du musst nicht protzen. Du musst nicht prunken. Du musst dich nicht schämen, auch deiner ungebetenen Gäste nicht. Die gute Nachricht: In deinem Leben gibt es noch andere Gäste. Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Das heißt: Du bist mehr als du dich manchmal traust zu denken: Du bist mehr als deine Angst, mehr als deine Scham. In dir wohnt die Kraft Gottes, eine Kraft, die gerade in deiner Schwachheit mächtig ist. Du siehst es am Gekreuzigten und Auferstandenen: Er wurde gedemütigt und geschlagen, er starb erbärmlich an einem Kreuz. Diesen Jesus von Nazareth hat Gott erwählt, um seine Kraft zu erweisen: kein Supermann, der am Leid der Welt vorbeifliegt, sondern ein Mensch, der hindurchgeht, der „Warum?“ schreit und: „Verlassen!“ Dem sollst du nachfolgen. An ihm kannst du durchbuchstabieren, was Liebe heißt: Du kannst in der Liebe Schwäche riskieren, ohne beim anderen Stärke zu provozieren (nach Adorno). Zärtlichkeit wächst nicht auf Teflon. Nur der Verletzliche, nur die Bedürftige kann lieben und geliebt werden.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Besonnenheit… Dieses Wort gibt es nur hier in der Bibel. Luther übersetzte es missverständlich mit „Zucht“. Gemeint ist eher ein gesunder Menschenverstand, der sich zu beherrschen weiß, der zumindest einzuschätzen versucht, was in dieser Welt wirklich furchterregend, was wirklich so entsetzlich ist, dass nicht einmal die Liebe Gottes den Schrecken nehmen kann. Die Timotheusbriefe entstanden in einer Zeit, die alles andere als einfach war. Man rang um die rechte Lehre und um die rechte Form von Kirche. Christenmenschen wurden verfolgt und inhaftiert. 2000 Jahre später ringen wir immer noch um die rechte Form und Lehre von Kirche. Verfolgt werden wir auf unseren Breitengraden nicht. Wir müssen nicht um Leib und Leben fürchten, „aber wir erleben die innere Bedrohung: die Dämonen der Furcht, der Verzagtheit und der Depression.“ (Steffensky) Wir erleben, wie es der Menschheit egal wird, was uns Jahrhunderte getragen hat, erleben, wie die alten Texte und Lieder unserer Welt immer fremder werden.
Unserer Selbstoptimierungswahn, der uns so unbarmherzig gegen uns selbst macht, färbt auf Gott ab. Glaube an Gott muss sich lohnen, indem wir klüger, resilienter, achtsamer, schlanker, anständiger und glücklicher werden. Wenn Paulus seinen Schüler ermutigt mit für das Evangelium in der Kraft Gottes zu leiden, riecht das für uns sofort nach Mittelaltermuff. Gott hat uns glücklich zu machen. Wozu wäre er 2026 sonst auch noch gut? Vor 2000 Jahren verlief die theologische Front gar nicht weit entfernt. Manche hofften auf einen Erlösergott, der den Menschen aus dem Jammertal der Schöpfung befreit.
Das, was wir „Welt“ nennen, mit ihren Tränen, ihren Schmerzen, ihrer Gewalt, ihrer Zerrissenheit, das kann nur ein böser Gott geschaffen haben. Leiden kam in diesem Konzept nicht vor. Wie ist es heute? Natürlich finden wir alle Frieden, Klimaschutz, Hoffnung und Brot für die Welt total toll. Aber was sind wir persönlich bereit dafür zu geben?
Was lassen wir uns es kosten, dass all unsere Nächsten in Würde leben können? Welches Leid, welchen Schmerz muten wir dafür uns selbst zu? Eine unbequeme Frage, die keine Freude macht. Und Freunde schon gar nicht. Opfern tun wir gern. Aber bitte schön nicht uns.
Dass im Wahlkampf Mecklenburg-Vorpommerns, dem Bundesland mit dem geringsten Migrantenanteil Flüchtlingspolitik so eine große Rolle spielt, lässt sich anders nicht erklären. Wir brauchen Sündenböcke für unsere Schuld. Ich fürchte, nein, ich glaube, dass es in den nächsten Jahren immer wichtiger wird, die eigenen Komfortzone zu verlassen, sich vom Leid des Mitmenschen und der Mitschöpfung treffen zu lassen.
Exemplarisch – ohne es religiös überhöhen zu wollen – die Frage, ob wir bereit sind, unserem Land zu dienen, mit der Waffe, mit unserem Einsatz, mit unserem Portemonnaie. Vor 3 Wochen habe ich mit einem 3-Sterne-General gesprochen, der keine einzige schlaflose Nacht in Sachen Russland hat. Was ihn wach hält ist ein Deutschland, das immer noch glaubt, Frieden und Sicherheit sei keine Gemeinschaftsaufgabe.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Hier spricht nicht Pastor Pistorius, der im nächsten Stechschritt die Waffen segnet. Aber unsere Kirche ist ihrem Nachkriegsdeutschland die Frage des Leidens für das Evangelium schuldig geblieben.
Wir predigten viel zu lange mit Feenstaub und Sternenschnuppen: Du bist du. Das ist der Clou. Diese Kanzel ist nicht der Ort, um über Wehrpflicht und Kriegstüchtigkeit zu diskutieren. Das ist nicht mein Punkt. Aber nochmals: Was lassen wir es uns kosten, dass die nächsten Generationen in dieser Welt satt und frei leben können? Und nein: Realistisch gesehen werden Amelie-Charlott und Leopold-Maximilian nicht ohne Irina und Mehmet satt und frei leben können.
Hören Sie das gerade in Ihrer Seele, wie die Scham angesichts dieser Aufgabe die Stühle rückt und Frau Angst ihr Bett aufschlägt? Psst! Hören Sie genau hin. Sie sind nicht allein. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Amen
Pastor Martin Hofmann